Das Schleppseil

Das Seil soll dem Hundehalter helfen, innert weniger Wochen bessere Kontrolle über das Verhalten seines Hundes zu erlangen. Es verleiht ihm die Möglichkeit auch auf Distanz seine Wünsche beim Hund durchzusetzen. Der Vierbeiner soll lernen, dass er sich draussen an seinem menschlichen Begleiter zu orientieren hat, weil dieser bestimmt wo’s lang geht und was gemacht wird. Der Mensch soll zu einem ernst genommenen Sozialpartner werden, dem der Hund mit Vertrauen und Respekt (im Sinne von Achtung) begegnet. Dies ist allerdings nur möglich, wenn das Seil wirklich als Hilfsmittel und nicht als ‘Rettungsschlinge’ gebraucht wird. Wir dürfen in unseren Bestrebungen, den Hund zu kontrollieren, nicht vom Seil abhängig werden. Wir Menschen neigen dazu, sobald wir einen Strick in der Hand halten, nur noch über diesen zu operieren. Ein Beispiel: Der Hund wird mittels Leine auf die andere Seite gezogen, statt dass man ihn durch Signale und Körperbewegungen auffordert, aus eigenen Stücken die Seite zu wechseln. Eine diesbezügliche Veränderung Ihrerseits im Umgang mit Ihrem Vierbeiner ist Voraussetzung für das Ziel, den Hund in absehbarer Zeit frei unter Kontrolle zu haben. Es ist ganz wichtig, dass Sie Ihre Wünsche dem Hund direkt mitteilen und ihn durch Ihr Verhalten animieren, Ihnen Folge zu leisten. Leine und Seil stehen für Sie lediglich als Sicherheit im Hintergrund, wenn der Schlingel sie ignorieren oder austricksen will, resp. die Situation ausser Kontrolle geraten könnte.


Das Hilfsseil findet seine Anwendung:

  • wenn die Bindung des Hundes an den Halter noch mangelhaft ist, z. B.: wenn man einen Streuner oder einen Hund aus dem Tierheim übernommen hat.
  • wenn der Vierbeiner im Flegelalter ‘aufmüpfig’ wird, den Radius im Freilauf immer weiter ausdehnt und es mit dem Appell nicht mehr so genau nimmt.
  • wenn unser Hund uns draussen allgemein kaum Beachtung schenkt und macht, was ihm passt. In diesem Falle handelt es sich um ein Rollenverteilungsproblem zwischen Hund und Halter; es sind weitere verhaltenstherapeutische Massnahmen angezeigt, um das Beziehungsgefüge zu verändern.
  • Wenn der Hund z.B.: aus gesundheitlichen Gründen über längere Zeit nur an der Leine ausgeführt werden kann/konnte.
  • bei spezifischen Verhaltensproblemen wie etwa aggressives Verhalten gegenüber Artgenossen, stürmisches Hochspringen an fremden Menschen auf dem Spaziergang, Stellen und Verbellen von fremden Menschen, Nachhetzen von Joggern, Bikern, etc., jagdliche Ambitionen, Fortlaufen als Schreckreaktion auf plötzliche Geräusche oder Schmerzen (z.B.: Fehl-verknüpfung bei elektrischem Schlag am Kuhdraht mit anschliessendem Meideverhalten gegenüber Vieh), etc.
  • in abgeänderter Form bei Aggressionsproblemen zuhause (bitte nur auf Anweisung eines Spezialisten!)
  • Das Seil ist nicht geeignet für Welpen und Junghunde unter 6 Monaten!

Einige Beispiele für das Arbeiten mit dem Seil:

  • Ihr Hund geht voraus und kümmert sich nicht um Sie. Sie rufen ‘Warten’ oder ‘Steh’ und treten im Gehen auf das Seil, wodurch der Hund gestoppt wird. Gehen sie nun normalen Schrittes auf dem Seil weiter auf den Hund zu. Will der Hund weiter laufen, wiederholen Sie sofort den Befehl. Ansonsten wiederholen Sie das Kommando in ruhigem Tonfall ein zweites Mal, wenn Sie nur noch wenige Meter von Ihrem Tier entfernt sind, ev. unterstützt durch ein Handzeichen. Sind Sie mit dem Hund auf gleicher Höhe, lächeln Sie ihn zufrieden an und geben ihn mit netter Stimme wieder ‘frei’.
  • Sie wissen aus Erfahrung, dass Ihr Hund nicht auf Ihr Rufen reagiert, wenn er gerade am Boden schnuppert. Führen Sie das Seil in der Hand (s. unten) und warten Sie eine solche Situation ab. Rufen Sie den schnuppernden Hund zu sich und geben Sie ihm über das Seil einen Leinenzupf, wenn nötig mehrere in rascher Folge unter Wiederholung des Kommandos. Bestätigen Sie stimmlich und mit erfreuter Mimik, sobald der Hund den Kopf hebt und auf Sie zukommt. Reagieren (korrigieren) Sie sofort, wenn der Hund vom Befehl wieder abweichen will. Der Hund soll auf direktem Weg zu Ihnen kommen. Gehen Sie ein Stück gemeinsam weiter, dann darf der Hund wieder ‘frei’
  • Mehr Aufmerksamkeit von Seiten des Hundes kann man auch mit folgender Übung erreichen: Der Hund wird ‘frei’ am Schleppseil geführt; Sie warten, bis der Hund voraus läuft, dann machen Sie eine Wende (90 - 180°) und gehen ohne sich nach dem Hund umzuschauen weiter. Kurz bevor das Seil gespannt wird geben Sie ein leises Kommando und gehen unbeirrt weiter. Bemerkt der Hund den Richtungs-wechsel und folgt Ihnen, reagieren sie gar nicht, ausser einem freundlichen Blick/Wort, falls der Hund auf gleicher Höhe zu Ihnen Kontakt aufnimmt. Läuft der Hund an Ihnen vorbei, wiederholen Sie das Spielchen umgehend. Hat sich die Aufmerksamkeit des Hundes bereits gesteigert, kann der Richtungswechsel auch ohne Signal vollzogen werden.
  • Sie möchten verhindern, dass Ihr Vierbeiner einfach zu jedem fremden Hund hinläuft. Sobald Sie erkennen, dass Ihr Hund den Artgenossen bemerkt hat, nehmen Sie ihn ‘Fuss’ (entweder kommt er direkt, oder sie rufen und gehen in die Gegenrichtung bis er bei Ihnen ist, resp. holen über ‘Warten’/’Steh’ zu ihm auf.) Beordern Sie Ihr Tier auf die vom anderen Hund abgewandte Seite. Verlangen Sie vom Hund, dass er während der Annäherung bei Ihnen bleibt. Korrekturen erfolgen anfänglich manuell, wenn Sie sich schon etwas sicherer fühlen per pede (s. unten). Sie entscheiden, ob ihr Hund zum anderen Kontakt aufnehmen darf oder nicht. Wenn ja, geben Sie ihn bei einer Distanz von ca. 3m zum anderen Hund mit ruhiger Stimme ‘frei’, ansonsten hat er den anderen Hund ‘bei Fuss’ mit Ihnen zu passieren.

Anforderungen an das Seil:

  1. möglichst leicht, damit der Hund nicht allzu stark behindert wird
  2. nicht dehnbar, sonst werden Korrekturen am Seil punkto Dosierung und Zeitpunkt nicht wie gewünscht auf den Hund übertragen
  3. dicht gewoben, weil sich dann weniger Tannennadeln, Zweige und Ähnliches darin verhaken und sich das Seil bei Regen weniger mit Wasser vollsaugt und dadurch viel schwerer wird; besonders geeignet sind Reepschnüre, Bergsteiger-/Seglerseile und Anti Slip-Leinen.
  4. Karabinergrösse und Seildicke sind entsprechend Grösse/Gewicht des Hundes zu wählen. Der Seildurchmesser variiert zwischen 5-12mm
  5. Die Länge des Seiles hängt vom jeweiligen Anwendungsbereich ab; eine gute Länge für das Nachschleppseil im Freien sind 8-10m

Grundlegendes zur Arbeit mit dem Hilfsseil:

  • Das Seil wird an einem gut sitzenden Leder-/Stoffhalsband, allenfalls an einem Brustgeschirr befestigt. Es darf niemals an einem Zughalsband, an Kopfhalftern wie Halti oder Gentle Leader oder an anderen Erziehungsgeschirren wie etwa Meiko Führleine (‘Walter-Leine’), Gentle Dog etc. verwendet werden.
  • Das Hilfsseil ist kein Leinenersatz! Der Hund wird ausschliesslich während des ‘Freilaufs’ über das Seil kontrolliert, ansonsten wird er an der normalen Leine geführt.
  • Und so wird gestartet: Halten Sie das Seil am Karabiner-Ende und lassen Sie es im Gehen auf die volle Länge ausrollen (allfällige Verwicklungen entwirren). Verlangen Sie dann vom Hund ‘Sitz’ und befestigen den Karabiner am Halsband/Geschirr. Lösen Sie die Führleine unter erneutem ‘Sitz’-Kommando. Wenn Sie wieder aufrecht stehen (und der Hund sie idealerweise anschaut), geben Sie ihm mit ruhiger Stimme die Erlaubnis zum Freilauf unter gleichzeitiger Ermahnung wie ‘langsam’ oder ‘hier bleiben’, etc. Schiesst der Hund nun gleich los, erfolgt sofort unter Wiederholung der Ermahnung die erste Korrektur. Der Hund hat einen Radius von ca. 5m einzuhalten. Achten sie darauf, dass der Hund diesen Bereich auch nach hinten nicht überschreitet. (Vor allem Rüden testen uns, indem sie etwas zurückbleiben und am Boden schnuppern/markieren. Ebenfalls wird der Hund nach dem Markieren versuchen, schnell an uns vorbei weiter nach vorne zu kommen. Halten Sie sich entsprechend für weitere Korrekturen bereit.)
  • Ausser im Moment der Korrektur soll das Hilfsseil nie gespannt sein (d.h. den Hund am Schleppseil nicht ziehen lassen
  • Idealerweise schleppt das Seil über den Boden, damit der Hund am Halsband keine Seilbewegungen, sondern lediglich einen gleich bleibenden, leichten Zug verspürt. Ob das Seil gehalten wird oder nicht, hängt von der Situation und vom Problemverhalten des Hundes ab. Wird das Seil geführt, ist die Seillänge stets so zu variieren, dass das über den Boden schleifende Seil mit einer einzigen Armbewegung gespannt werden kann.
  • Korrekturen des Hundes am Schleppseil erfolgen entweder durch Blockieren des Seiles mit dem Fuss oder manuell mittels Leinenzupf (kurzer Impuls, der den Hund animiert, das erwünschte Verhalten auszuführen; keine ‘Luftpost’, kein Ziehen oder Zerren, der Hund soll nicht wie ein Fisch an der Angel eingeholt werden!)
  • Damit das Seil seine Funktion als vorübergehendes Hilfsmittel zur Erzielung eines besseren Gehorsams des Hundes erfüllen kann, muss der Hund unser Kommando unmittelbar vor der Korrektur erhalten. Reagiert der Hund wunschgemäss auf unser Signal, bestätigen wir stimmlich und machen am Seil gar nichts. Wir müssen uns jedoch zur sofortigen Reaktion bereit halten, falls der Vierbeiner versucht, unseren Befehl nur halbpatzig auszuführen. Diese Reaktion kann aus weiteren Leinenzupfs bestehen; es sind aber auch alle anderen verhaltensauslösenden Reize erlaubt (und meist sinnvoller!), wie etwa Laute, Klatschen, Stampfen, abrupt Abwenden etc.
  • Hunde haben ein ausgesprochen gutes Distanzgefühl. Hinsichtlich des Endziels Freilauf darf der Hund während der Aufbauarbeit die wahre Länge des Schleppseils nicht kennen lernen. Entsprechend müssen wir mit dem Hund stets auf ganz unterschiedliche Distanzen üben (siehe. Beispiele). Insbesondere ist zu vermeiden, dass der Hund wiederholt ins Ende des Seiles läuft (siehe Gefahren). 
  • Damit der Halter keine Abhängigkeit vom Seil entwickelt, sollte es möglichst wenig gehalten werden. Es gilt Ruhe zu bewahren, sollte der Hund am Schleppseil sich einmal weiter als die Seillänge von uns entfernen: Wenn wir in solchen Situationen den Hund ‘panikartig’ rufen, ihm nachlaufen und versuchen, das Seil wieder zu erhaschen, wird er die Zusammenhänge schnell begreifen und solche Gelegenheiten ausnutzen.
  • Während der Arbeit mit dem Hilfsseil sollen wir darauf bedacht sein, uns möglichst gleich zu bewegen, wie ohne Seil; d. h. Hüpfer über das Seil, Pirouetten, Armgefuchtel etc. sind zu vermeiden.
  • Möglichst nicht unbeabsichtigt auf das Seil treten! Erhält der Hund trotzdem ungewollt einen Ruck, sollten Sie sofort wortlos die Richtung wechseln und das Tier (zurückhaltend!) loben, wenn es zu Ihnen aufgeholt hat.
  • Das Arbeiten mit dem Hilfsseil verlangt vom Halter höchste Konzentration. Er muss stets wissen, wo sein Hund ist und was er gerade macht, damit die Übungssituationen wunschgemäss ablaufen.


Tipps und Hinweise auf Tücken und Gefahren:

  • Es empfiehlt sich, Handschuhe zu tragen, da das Seil schmerzhafte Verbrennungen hervorrufen kann, wenn es schnell durch die Hand gleitet.
  • Auch beim Hund können Verletzungen auftreten, wenn sich das Seil beispielsweise um einen Lauf gewickelt hat oder bei Rüden an den Hoden vorbeiläuft. Man muss immer wissen, wie das Seil beim Hund verläuft, bevor man eine Korrektur gibt.
  • Die meisten Hunde lernen sehr schnell, wie sie mit dem Seil laufen müssen, um Verwicklungen zu verhindern, resp. sich selber zu entwirren. Der Mensch sollte nur dann helfend eingreifen, wenn sich das Seil als Schlinge um ein Bein des Hundes gewickelt hat. Je weniger wir mit Hund und Seil hantieren, umso besser.
  • Das Seil kann sich verhaken z.B. an Steinen, Wurzeln, Ästen, unter Reifen parkierter Autos, etc. In solchen Situationen setzen wir den Hund so, dass das Seil nicht mehr gespannt ist. Nachdem wir das Seil befreit haben, geht’s weiter, indem wir den Hund zu uns rufen oder aber den Sitzbefehl aufheben, wenn wir mit ihm auf gleicher Höhe sind.
  • Unterbrechen Sie den Hund sofort, wenn er versucht, das Seil durchzubeissen. Wenn Ihr Hund bereits zu den ‘Leinen-Kappern’ gehört, können Sie karabinernah ca. 40 cm leichte Kette nehmen und dann mit dem Seil verbinden.
  • Es ist nach Möglichkeit zu vermeiden, dass der Hund mit voller Wucht ins Seil läuft; insbesondere bei schweren Hunden ist der dabei entstehende Ruck weder für das Tier noch für den Menschen gesund.
  • Die unmittelbare Anwesenheit anderer Menschen und Hunde/Tiere erschwert die Arbeit mit dem Seil (z.B.: bei Spaziergängen in der Gruppe): sie können bei Korrekturen im Wege stehen (u. A. Verletzungsgefahr), versehentlich auf das Seil treten, sich verwickeln, etc. Auch können fremde Hunde an dem sich über den Boden bewegenden Seil Interesse zeigen und hinein beissen/daran zerren.
  • Ungünstige Situationen können sich auch ergeben, wenn der Hund am Schleppseil mit Artgenossen spielt. Wenn Sie sicher sind, dass Ihr Hund sich nach drei Runden mit dem Spielkollegen nicht verabschiedet und alleine auf Tour geht, können Sie ihn für Spielsequenzen vom Hilfsseil ableinen. Ansonsten muss er eben auf das ‘Spiel’ verzichten, da er sich ohnehin nicht davon fesseln lässt, sondern es nur zum ‘Aufheizen’ nutzt.
  • Ärgern Sie sich nicht: Auch nach Gebrauch sorgsam aufgeschossene Seile bilden beim nächsten Einsatz gerne Knoten. Öffnen Sie diese sofort, bevor sie sich zu stark zusammengezogen haben.
  • Regelmässiges Waschen (z. B. in einem Kübel Wasser einweichen und ausschwenken) verhindert, dass das Seil zu stinken beginnt.